Der Blick durch die Brille: früher und heute

Um klar zu sehen, sagte Antoine de Saint-Exupéry, der legendäre Schöpfer des „Kleinen Prinzen“, genügt oft ein Wechsel der Blickrichtung. Manchmal allerdings hilft das nicht. Dann handelt es sicht um eine andere Art der Fehlsichtigkeit, und ein Gang zum Optiker ist vonnöten.

Das Handwerk des Optiker ist ein sehr altes Handwerk. Tatsächlich geht die Geschichte der Erfindung der Brille auf das 13. Jahrhundert zurück. Vor der Entstehung der Brille wurden geschliffene Halbedelsteine, so genannte Berylle, als Leselupen und Sehhilfen verwendet. So wird zum Beispiel berichtet, dass Kaiser Nero einen geschliffenen Smaragd benötigte, um im alten Rom den Gladiatorenkämpfen zuzusehen. Berylle sind auch die Namenspatrone der modernen Sehhilfen, denn die Bezeichnung Brille leitet sich von diesem Wortstamm ab.

Die erste Brille entstand vor gut siebenhundert Jahren in Italien. Nachdem der Oxforder Franziskanermönch Roger Bacon 1267 den wissenschaftlichen Nachweis erbracht hatte, dass sich mit besonders geschliffenen Gläsern kleine Buchstaben vergrößern lassen, gelang den Glasbläsern von Murano der Durchbruch: Sie waren die ersten, die imstande waren, durchsichtiges Glas herzustellen. Zur damaligen Zeit eine Sensation. Bald schon entwickelte sich die Brille zum Statussymbol: Je größer die Gläser, desto teurer die Brille, und damit desto edler der Träger.

Doch bis zur heutigen Brille war es noch ein weiter Weg. Die erste Brillenform war die so genannte Nietbrille, die aus zwei aneinander genieteten Gläsern bestand und die mühsam von Hand auf der Nase festgehalten werden musste. Der Versuch, die Brille zu fixieren, schlug eine Menge seltsamer Blüten: In Spanien wurde die Fadenbrille entwickelt, bei welcher zwei Fadenschlingen um die Ohren gewickelt wurden. In Deutschland existierten verschiedenste Techniken: die Band- oder Bindbrille, bei welcher man sich die Brillenfassung mit einem Lederband um den Kopf schnallte, die Mützenbrille, bei welcher die Gläser am Schirm einer Mütze befestigt wurden oder die Stirnreifenbrille, die an einem den Kopf umfassenden Stahlreif hing.

Erst gut 450 Jahre nach dem Erscheinen der ersten Brille kamen findige Köpfe auf die Idee, die Brille mittels Bügeln seitlich an den Schläfen zu fixieren. Die Brille in der heutigen Form ist um das Jahr 1850 in England entstanden. Ein Londoner Optiker verlängerte die Seitenbügel der Brille bis über die Ohren und versah sie mit einem Gelenk – das war die Geburtsstunde der so genannten Ohrenbrille, der Mutter der modernen Brille.

Hier zeigt sich schon, was das Handwerk des Optikers von Anfang aus ausmachte und bis heute prägt: Optiker sind Wissenschaftler, Techniker und Unternehmer in einem.

„Auch heute“, berichtet Thomas Holzknecht „verlangt der Beruf des Optikers ein breites Wissen über physikalische und medizinische Zusammenhänge sowie handwerkliche und kaufmännische Fähigkeiten.“ Thomas Holzknecht leitet seit drei Jahrzehnten das traditionsreiche Südtiroler Familienunternehmen Optik Walter und ist einer der ganz wenigen Optiker, der noch eine hauseigene Werkstatt betreibt.

Und in der wird Hochpräzisionsarbeit geleistet: Nachdem die individuelle Pupillendistanz eines jeden Kunden exakt ausgemessen worden ist, müssen die Gläser für jede Brille passgenau geschliffen werden. „Dazu“ erklärt Thomas Holzknecht, „verwenden wir eine Schleifmaschine, die mit drei unterschiedlichen Diamantsteinen arbeitet. Nur so können wir einen derart exakten Schliff gewährleisten.“

Auch in anderen Bereichen leistet die Technik wertvolle Hilfe. So liefert zum Beispiel der so genannte Topograf eine punktexakte Abbildung der Hornhaut, anhand der sich dann maßgeschneiderte Kontaktlinsen herstellen lassen.
Ein weiteres Gebiet, das in den vergangenen Jahren viele Neuerungen erfahren hat, ist der Bereich „Low vision“, der Sehhilfen für Menschen mit stark verminderten Sehvermögen umfasst. Auch hier ist Optik Walter Marktführer in Südtirol. „Wir bieten zum Beispiel elektronische Sehhilfen oder Lupenbrillen an“, erklärt Thomas Holzknecht.

Hier wie auch in den traditionellen Gebieten der Optik gilt: Anatomisch perfektes Design sowie neue und weiterentwickelte Materialien eröffnen dem Optiker heute eine fast unbegrenzte Vielfalt an Möglichkeit. „Ich habe“ sagt Thomas Holzknecht, „einen wunderschönen Beruf. Ich bin gleichzeitig Handwerker und Kaufmann, ich arbeite mit Menschen und ich verkaufe ein Produkt, das eine jahrhundertealte Tradition hat und gleichzeitig sehr innovativ ist.“